Aktuelles

Kernfusion im Wasserglas?

Auch neue Versuchsergebnisse nicht überzeugend

Von Rainer Scharf

Gibt es eine Kernfusion im Wasserglas? Diese Frage hat durch eine Arbeit von Forschern aus den Vereinigten Staaten und Rußland, die am Freitag in der Zeitschrift "Science" (Bd. 295, S. 1868) erscheinen wird, neue Aktualität gewonnen. Die Kernverschmelzung soll mit der sogenannten Sonolumineszenz einhergehen, dem hellen Leuchten von "Kavitationsblasen", die sich bilden, wenn man eine Flüssigkeit extrem starkem Ultraschall aussetzt.
Kavitationsblasen entstehen, wachsen und kollabieren im Takt des Ultraschalls. Beim Kollaps heizen sich die Blasen auf Temperaturen von einigen tausend Grad auf, und das Gas im Innern der Blasen beginnt zu leuchten. Schon Anfang der neunziger Jahre hatten Forscher vermutet, daß in den Blasen unter geeigneten Bedingungen sogar Temperaturen von einigen Millionen Grad auftreten können, wie sie im Zentrum der Sonne herrschen. Bei solch hohen Temperaturen verlieren die Atomkerne ihre Elektronenhüllen und können miteinander verschmelzen, wenn sie kollidieren.

Die anfängliche Euphorie über eine mögliche Kernfusion im Wasserglas, die sogar in einem Hollywoodfilm ("Außer Kontrolle") ihren Niederschlag gefunden hat, ist in den vergangenen Jahren allerdings einer realistischeren Einschätzung gewichen. Zahllose Experimente und Berechnungen haben ergeben, daß die bei der Sonolumineszenz auftretenden Temperaturen viel zu niedrig sind, als daß eine Kernfusion stattfinden könnte. Um so erstaunlicher ist die Behauptung von Rusi Teleyarkhan vom Oak Ridge National Laboratory in Tennessee und seinen Mitarbeitern, daß in den Kavitationsblasen einer deuteriumhaltigen Flüssigkeit Deuteriumkerne zu Tritiurnkernen verschmolzen werden.

Als Flüssigkeit benutzten die Forscher Azeton, bei dem ein Wasserstoffatom durch ein Deuteriumatom ersetzt worden war. Dieses Azeton wurde in einem Glaszylinder intensivem Ultraschall ausgesetzt. Daraufhin bildete sich im Zentrum des Gefäßes eine etwa sechs Millimeter große Wolke aus winzigen pulsierenden Kavitationsblasen, die zu leuchten begannen. Unmittelbar nach jedem Blasenkollaps wurde die Wolke mit einem gepulsten Neutronenstrahl beschossen, wodurch neue Blasen entstanden. Nach einigen Stunden untersuchten die Forscher das Azeton und fanden darin Spuren von Tritium. Zur Kontrolle bestrahlten sie das deuteriumhaltige Azeton, ohne es dem Ultraschall auszusetzen. In einem weiteren Experiment verwendeten sie normales Azeton. In beiden Fällen fanden sie etwas weniger Tritium.

Bei der Verschmelzung von Deuterium zu Tritium entstehen Neutronen mit einer charakteristischen Energie. Diese Neutronen wollen die Forscher um Rusi Teleyarkhan ebenfalls nachgewiesen haben. Anderen Wissenschaftlern vom Oak Ridge National Laboratory, die die Experimente mit demselben Versuchsaufbau wiederholt haben, ist dieser Nachweis selbst mit wesentlich empfindlicheren Detektoren nicht gelungen. In Zweifel gezogen wird auch die Begründung der Forscher, warum sie mit der Sonolumineszenz tausendmal so hohe Temperaturen erreicht hätten, wie man sie in allen früheren Experimenten beobachtet hat. Angeblich trat in der Blasenwolke ein verstärkter Druck auf, der dazu führte, daß die Blasen besonders heftig kollabierten und sich dabei auf mehr als sechs Millionen Grad aufhetzten. Eine solche Druckverstärkung steht aber im Widerspruch zur anerkannten Theorie der Sonolumineszenz. Außerdem hat sie bisher auch noch niemand beobachtet. Die Kernfusion im Wasserglas wird also allem Anschein nach auch weiterhin nur in Hollywoodfilmen stattfinden.
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2002, Nr. 55 / Seite 44

>>> Zur Startseite