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Erde von Dunkler Materie durchquert?

Von Rainer Scharf

Zwei ungewöhnliche Erdbeben vor neun Jahren könnten von winzigen Klumpen aus Dunkler Materie ausgelöst worden sein. Zu diesem, Schluß kommen amerikanische Physiker, nachdem sie rund eine Million Erdbebenaufzeichnungen analysiert haben, die sich nicht auf einen lokalisierbaren Erdbebenherd zurückführen lassen. Ihrer Meinung nach könnten im Oktober und November 1993 zwei tonnenschwere Objekte, die etwa so groß waren wie rote Blutkörperchen, die Erde geradlinig durchquert haben. Auf ihrer Bahn hätten sie Erdbeben ausgelöst, die von mehreren seismologischen Stationen registriert wurden. Aus den aufgezeichneten Signalen haben die Forscher berechnet, wo die "Minimeteoriten" in die Erde eingeschlagen wären und wo sie sie wieder verlassen hätten. Die Rechnungen ergaben außerdem, daß die Projektile eine Geschwindigkeit von einigen hundert Kilometern in der Sekunde gehabt haben müßten. Nur äußerst kleine und trotzdem schwere Objekte können die Erde in dieser Weise durchdringen. Daß es sich um winzige Schwarze Löcher gehandelt haben könnte, halten die Forscher für unwahrscheinlich. Sie glauben vielmehr, daß die Projektile aus einer Zusammenballung von normalen und seltsamen Quarks bestanden. Während normale Quarks die Bausteine der Atomkerne bilden, sind seltsame Quarks die Bestandteile exotischer Materie. Berechnungen haben gezeigt, daß aus normalen und seltsamen Ouarks große Klumpen entstehen könnten, die kaum mit Licht wechselwirken. Deshalb sind diese Quarkklumpen aussichtsreiche Kandidaten für die Dunkle Materie, aus der etwa neun Zehntel der Masse unseres Universums bestehen. Sie könnten beim Urknall oder beim Zusammenstoß von Doppelsternen entstanden sein, die aus seltsamen Quarks bestehen. Nach den Schätzungen der Forscher ist die Häufigkeit der seltsamen Quarkklumpen im Universum so groß, daß die Erde im Mittel etwa einmal pro Jahr von solch einem Teilchen getroffen wird. Es wird aber vorerst keine weiteren Hinweise auf entsprechende Kollisionen geben, weil man 1993 aufgehört hat, Daten über ungewöhnliche Erdbeben zu sammeln, die sich keinem Epizentrum zuordnen lassen. 
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2002, Nr. 123 / Seite 50

Bilder Southern Methodist University

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