Hintergrund 

Netzwerke mit universellen Regeln

Was Proteine, Computer und Menschen gemein haben: Die Gesetze der Physik

Von Rainer Scharf

In unserer Welt scheint alles irgendwie miteinander zusammenzuhängen. So gibt es Vernetzungen in sozialen und ökologischen Systemen oder im Zusammenspiel der Zellproteine. Inzwischen treten sogar erdumspannende Zusammenhänge auf, etwa das World Wide Web oder die Globalisierung von Wirtschaft und Kultur. Doch zwischen all diesen "Netzwerken" besteht mehr als nur eine lockere Analogie. Sie sind in ihrem Aufbau einander überraschend ähnlich, wie auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Dresden deutlich wurde.

Das am besten untersuchte Netz ist das World Wide Web, eine unüberschaubar große Menge von Internetseiten, die durch Hyperlinks miteinander verknüpft sind. Während die meisten Seiten weitgehend unbekannt sind, weil kaum ein Link auf sie verweist, gibt es eine Handvoll von Websites, die jeder kennt. Die Zahl der Links, die zu ihnen führen, geht in die Millionen.

Untersuchungen an Teilen des WWW haben einen überraschend einfachen Zusammenhang ergeben, als man die Seiten zählte, die jeweils über eine bestimmte Zahl von Links erreichbar waren. Die Zahl der Seiten, die man über doppelt so viele Links erreichen konnte, war auf ein Viertel verringert. Das durch ein Potenzgesetz beschriebene Verhalten ist ein Hinweis darauf, daß man es nicht mit einem rein zufällig verknüpften Netz zu tun hat.

Ganz ähnliche Verhältnisse herrschen in der Hardware des Internets. Dessen Knoten sind Computer und sogenannte Router, die durch Kabel miteinander verbunden sind. Auch hier sind einige Knoten mit vielen anderen verbunden, die überwältigende Mehrheit hat hingegen nur wenige Verbindungen. Wieder gilt ein Potenzgesetz: Für die doppelte Zahl von Verbindungen verringert sich die Zahl der Knoten, diesmal allerdings auf ein Sechstel.

Wie Stefan Bornholdt von der Universität Leipzig berichtete, bilden auch die Personen, die einander E-Mails schreiben, ein Netz. Er hat untersucht, wie oft die Studenten der Universität Kiel miteinander E-Mails austauschen. Während die meisten Studenten nur wenige Partner hatten, ging deren Zahl bei einigen in die Hunderte. Auch in diesem Fall ergab sich wieder ein Potenzgesetz zwischen der Zahl der Studenten und der Zahl ihrer Briefpartner.

Ein funktionales Netz liegt den Wechselwirkungen zwischen den Proteinen eines Bakteriums oder einer höheren Zelle zugrunde. Seine Knoten sind die unterschiedlichen Proteine. Zwischen zwei Knoten besteht eine Verbindung, wenn sich die entsprechenden Proteine miteinander verbinden können. Vor zwei Jahren hatten Albert-László Barabási und seine Kollegen von der University of Notre Dame in Indiana herausgefunden, daß der Zusammenhang zwischen der Zahl der Knoten und der Zahl der Verbindungen wiederum einem Potenzgesetz folgt.

Offensichtlich gelten für alle diese Netze universelle Regeln. Das erklärt auch das große Interesse der Physiker an ihnen; denn aus der Physik weiß man, daß sich komplexe Systeme, die universelles Verhalten zeigen, besser verstehen lassen. Warum in den Netzen zwischen der Zahl der Knoten und der Zahl ihrer Verbindungen ein Potenzgesetz gilt, konnte bisher aber nur für das World Wide Web zufriedenstellend erklärt werden. Demnach richten die Benutzer des WWW nur solche Hyperlinks ein, die auf ihnen schon bekannte Seiten gerichtet sind. Je bekannter eine Seite oder ihre Adresse ist, desto mehr Links kommen dazu. Von diesem einfachen Zusammenhang ausgehend, konnten Stefan Bornholdt und seine Mitarbeiter viele Eigenschaften des WWW erklären.

Netze wie das WWW, das E-Mail-Netz oder das Proteinnetzwerk verändern sich ständig. Ihre Knoten werden zu Mitspielern: Sie kappen bestehende Verbindungen, oder sie bauen neue auf. Schließlich können sie auch sterben. Dann fällt der entsprechende Knoten aus und mit ihm alle seine Verbindungen. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, daß das Internet überraschend stabil bleibt, wenn es Knoten verliert. Es funktioniert auch dann noch, wenn eine große Zahl zufällig herausgegriffener Knoten ausfällt. Legt man allerdings gezielt diejenigen Knoten lahm, die besonders viele Verbindungen haben, so bricht das Netz zusammen. Ähnliches gilt für das Proteinnetzwerk. Die Proteine, die mit vielen anderen wechselwirken, sind wesentlich für das Überleben der Zelle. Fallen sie aufgrund einer Mutation aus, so stirbt die Zelle.

In jüngster Zeit hat sich die Physik verstärkt Modellen von sozialen Netzen zugewendet. Hier können die Mitspieler ihr Verhalten aufeinander abstimmen und komplizierte Strategien entwickeln. So hat Frank Schweitzer vom Fraunhofer Institut für Autonome Intelligente Systeme in Sankt Augustin untersucht, wie bei egoistischen Mitspielern, die nur auf ihren eigenen Nutzen bedacht sind, eine Zusammenarbeit zum Wohle des Ganzen möglich ist.

Jeder Mitspieler hat die Wahl, mit den anderen zu kooperieren oder nicht. Trifft er auf einen kooperativen Mitspieler, so scheint es vorteilhaft zu sein, ihn auszunutzen und selbst nicht zu kooperieren. Doch dieser Vorteil ist nur von kurzer Dauer, denn wenn alle Mitspieler kooperationsunwillig werden, gehen schließlich auch alle leer aus. Die Untersuchungen haben gezeigt, daß sich bei einer hinreichend kleinen Zahl von Mitspielern die Zusammenarbeit durchsetzt. Besteht doch die Gefahr, daß man einen einmal ausgenutzten Mitspieler wiedertrifft. Ist die Zahl der Mitspieler aber sehr groß, dann entfallen diese Hemmungen, und es kommt keine Kooperation zustande.

Auch im globalen Maßstab konkurrieren kooperatives und nichtkooperatives Verhalten miteinander. Maxi San Miguel und seine Kollegen von der Universität in Palma de Mallorca haben den Wettstreit zwischen Globalisierung und kultureller Vielfalt untersucht. Dabei nahmen sie an, daß jeder Mitspieler eine Reihe von kulturellen Attributen besitzt, die dem Einfluß seiner Nachbarn unterliegen. Je ähnlicher ein Mitspieler seinem Nachbarn ist, desto eher wird er dessen Eigenheiten übernehmen.

Startete man mit einer Population, deren Attribute bunt gemischt waren, so dauerte es nicht lange, bis sich große, zusammenhängende Bereiche entwickelt hatten, in denen die Mitspieler die gleichen Attribute aufwiesen. Es hatte sich ein multikultureller Zustand entwickelt. Wenn die Mitspieler nur wenige Attribute hatten, in denen sie sich unterscheiden konnten, kam es zur Globalisierung - es bildete sich eine alles umfassende Monokultur. Der Übergang von multikultureller Vielfalt zur Monokultur ließ sich übrigens beschleunigen, wenn die Mitspieler durch ein Netz wie das WWW miteinander verknüpft wurden oder per E-Mail über große Entfernungen hinweg ihre Meinungen austauschen konnten. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2003, Nr. 78 / Seite N2

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