Hundert Jahre nach Einsteins
annus mirabilis präsentiert sich die Physik lebendig und offen.
Das zeigt sich bereits im umfangreichen Programm des AK Festkörperphysik,
des größten Arbeitskreises der DPG. Die hier repräsentativ
herausgegriffenen Haupt- und Plenarvorträge vermitteln einen guten
Eindruck vom breiten Themenspektrum, das von einzelnen Elektronen bis hin
zu weltumspannenden Netzwerken reicht.
Auf besonderes Interesse stieß
während der Jahrestagung das Thema Quantencomputer. Hier geht es derzeit
vor allem darum, Quantenbits (Qubits) in quantenmechanischen Zweiniveausystemen
möglichst lange zu speichern, mit anderen Qubits wechselwirken zu
lassen und das Ergebnis auszulesen. Das Hauptproblem besteht darin, die
Qubits weitgehend von ihrer Umwelt zu isolieren und dennoch leichten Zugriff
auf sie zu haben, um sie manipulieren und messen zu können. Atomphysiker
haben inzwischen mit isolierten Ionen in magneto-optischen Fallen mehrere
Qubits gleichzeitig gespeichert und mit ihnen einfache Berechnungen durchgeführt.
Trotz dieser großen Fortschritte glaubt man, dass sich leistungsfähige
Quantencomputer mit tausenden von Qubits eher mit den Methoden der Festkörperphysik
herstellen lassen.
Leo Kouwenhoven
und seine Mitarbeiter vom Kavli Institute
of Nanoscience an der Technischen
Universität Delft haben Qubits in den Spins einzelner Elektronen gespeichert,
die in Halbleiter-Quantenpunkten festgehalten werden. Ein Magnetfeld gibt
den beiden Spineinstellungen (? und ?) unterschiedliche Energie, sodass
man mit je einem Elektron ein Qubit speichern kann. Die Elektronen sitzen
in 100 nm großen Potentialtöpfen im zweidimensionalen Elektronengas
in der Grenzschicht einer GaAs/AlGaAs-Heterostruktur.
Diese Potentialtöpfe werden durch negativ geladene Metallkontakte
erzeugt, die auf der Heterostruktur aufliegen.
Mit einer elektrischen Spannung an den Kontakten lässt sich die
Tiefe der Potentialtöpfe variieren, und damit die Zahl der hineinpassenden
Elektronen. Wie viele Elektronen ein Quantenpunkt enthält, lässt
sich mit Hilfe eines ladungsabhängigen Tunnelstroms durch einen benachbarten
Quantenpunktkontakt messen. Nachdem die Forscher ein einzelnes Elektron
in einen Quantenpunkt injiziert haben, bestimmen sie dessen unbekannte
Spinrichtung durch eine Ladungsmessung (eine direkte Spinmessung war zu
schwierig). Dazu stellen sie die Fermi-Energie
des Elektronenreservoirs so ein, dass sie zwischen den Energien der beiden
Spinzustände liegt. Dann kann das Elektron mit dem Spinzustand |?>,
der die höhere Energie hat, in das Reservoir tunneln, das Elektron
mit dem Zustand |?> jedoch nicht. Aus der abschließend gemessenen
Ladung des Quantenpunkts lässt sich dann die Spinrichtung ermitteln.
Die
Messungen haben gezeigt, dass die Elektronen innerhalb von ca. 0,6 ms aus
dem angeregten Zustand |?> in den Grundzustand |?> relaxieren.
Etwa so lange kann der Quantenpunkt ein Qubit speichern. In dieser Zeit
müssen alle auf das Qubit wirkenden Operationen und auch die Messung
abgeschlossen sein. Das stellt hohe Anforderungen an die Rechengeschwindigkeit
eines zukünftigen Elektronenspin-Quantencomputers.
Qubits
lassen sich auch mit kollektiven Quantenzuständen realisieren, wie
sie in Supraleitern auftreten. John Martinis von der University of Santa
Barbara berichtete, wie man in supraleitenden Schaltkreisen mit Josephson-Kontakten
Qubits speichern, verändern, miteinander verschränken und schließlich
auslesen kann. Beim Josephson-Kontakt sind
zwei supraleitende Elektroden durch eine dünne Isolatorschicht voneinander
getrennt, durch die Elektronen tunneln können. Aufgrund der nichtlinearen
elektrischen Eigenschaften eines Josephson-Kontaktes
lässt sich die Dynamik des Schaltkreises auf zwei Energieniveaus |0>
und |1> beschränken. Mit einem Mikrowellenpuls kann man den Schaltkreis
vom Grundzustand |0> in den Zustand |1> bringen.
Da
supraleitende Schaltkreise nur wenig Dissipation aufweisen, lassen sich
die Qubits im Prinzip sehr lange speichern. Tatsächlich liegen die
beobachteten Kohärenzzeiten jedoch bisher nur bei 10 bis 100 ns, sodass
ein Qubit sehr schnell gemessen werden muss. Dazu geben die Forscher einen
sehr kurzen Spannungspuls auf den Schaltkreis, der die potentielle Energie
des Schaltkreises verändert – mit unterschiedlichen Folgen für
die Zustände |0> und |1>. Befindet sich das System im Zustand |0>,
bleibt es dort. Aus dem Zustand |1> kann es hingegen in einen neuen Zustand
tunneln, der sich von den Zuständen |0> und |1> um ein magnetisches
Flussquant unterscheidet, das sich mit einem SQUID nachweisen lässt.
Die Messung des Qubits dauert nur etwa 1 ns.
Mit
diesem extrem schnellen Verfahren kann man auch miteinander verschränkte
Qubits messen, ohne dass sich die Messungen gegenseitig beeinflussen. Dazu
haben die Forscher zwei supraleitende Schaltkreise, die je einen Josephson-Kontakt
enthielten, kapazitiv miteinander gekoppelt. Das Ziel weiterer Arbeiten
ist es, diese Kohärenzzeit zu verlängern, um eine größere
Zahl von Operationen mit ein und zwei Josephson-Qubits
zu ermöglichen.
Wachsende Nanowälder
Auch
bei herkömmlichen Schaltkreisen sucht man nach neuen Wegen. Die Herstellung
von Nanostrukturen nach der Top-Down-Methode
wird schon bald an die Grenzen stoßen, die durch die eingesetzten
lithographischen Verfahren vorgegeben sind. Linienbreiten von etwa 50 nm
scheinen das Äußerste zu sein, was man auf diese Weise erreichen
kann. Die Alternative ist die Bottom-Up-Methode,
die die Selbstorganisation der Materie auf der atomaren Ebene nutzt, meinte
Lars Samuelson vom Nanometer StructureConsortium
an der Universität von Lund. Der gesteuerte
Selbstaufbau von ein- und zweidimensionalen Heterostrukturen aus verschiedenen
Halbleitermaterialien ermöglicht es, nanoelektronische
Bauteile mit einer Größe von wenigen Nanometern bis hunderten
von Nanometern herzustellen.
Die
schwedischen Forscher haben mit Hilfe von etwa 20 nm großen Goldteilchen,
die als Katalysatoren wirken, auf einer Unterlage 30 nm dicke Nanodrähte
u. a. aus Galliumarsenid oder -phosphid wachsen lassen. Die Bestandteile
des Drahtes werden aus der Gasphase abgeschieden, wobei sie sich direkt
unter den Goldpartikeln in einer Wachstumszone ablagern. Auf diese Weise
wächst langsam ein Nanodraht in die Höhe, an dessen Spitze das
Goldteilchen sitzt. Mit Hilfe lithographischer Methoden gelingt es, die
Goldkeime in einem regelmäßigen Muster anzuordnen, sodass ein
geordneter Wald von Nanodrähten heranwächst, der z. B. als photonischer
Kristall genutzt werden kann. Indem
die Forscher das Molekülangebot in der Gasphase verändern, können
sie in axialer Richtung des Drahtes Heterostrukturen wachsen lassen. Auf
diese Weise lassen sich Tunneldioden herstellen, bei denen ein InAs-Draht
durch eine 80 nm dicke InP-Barriere unterbrochen ist. Durch Änderung
der Wachstumsbedingungen lässt sich auch die Zusammensetzung der Nanodrähte
in radialer Richtung variieren. Dadurch wird es möglich, Drähte
herzustellen, deren Kern aus GaAs von einem Mantel aus AlGaAs
umgeben ist. Mit einem geeigneten Mantel kann man z. B. die optischen und
elektrischen Eigenschaften des Kerns verbessern. Da
man die chemische Zusammensetzung, die Struktur und die Dimensionierung
der Halbleiter-Nanodrähte vielfältig
variieren kann, eröffnen sich zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten.
Neben der schon erwähnten Tunneldiode sind dies Quantenpunkte für
Einzelelektronentransistoren oder -speicher, Feldeffekttransistoren oder
Fluoreszenzmarker für biomedizinische Anwendungen, meinte Samuelson.
Außerdem könnte man Nanodrähte als Sonden für die
Untersuchung von Nervenzellen benutzen oder mit ihnen das Wachstum des Axons
der Neuronen lenken. Im
Kontakt mit den Nerven Wie
die vernetzten Nervenzellen im Gehirn ihre elektrischen Signale aufeinander
abstimmen, ist nach wie vor unklar. Doch Peter Fromherz
und seine Mitarbeiter am MPI für Biochemie in Martinsried haben einen
Weg gefunden, die neuronalen Signale aufzunehmen und zugleich die Nervenzellen
mit elektrischen Signalen zu stimulieren. Dazu haben sie Nervenzellen von
Ratten oder Schnecken in einer elektrolytischen Lösung auf einem Mikrochip
wachsen lassen. Eine solche Zelle sitzt dabei direkt über dem Gate
eines Feldeffekttransistors, der mit einer isolierenden Siliziumoxidschicht
überzogen ist. Wie sich zeigte, sitzt die Zelle nicht direkt auf der
Chip-Oberfläche, sondern es befindet sich eine dünne Elektrolytschicht
dazwischen.
Wenn
das Neuron „feuert“, fließt ein elektrischer Strom durch die Zellmembran
in der Kontaktregion. Daraufhin fließt auch ein Strom durch die dünne
Elektrolytschicht zwischen Zelle und Chip, der eine elektrische Spannung
hervorruft, die ihrerseits über das Gate
den Source-Drain-Strom durch den Feldeffekttransistor
messbar verändert. Umgekehrt verursacht ein Spannungsstoß im
Halbleitermaterial unter der Zelle, dass ein kapazitiver Stromstoß
durch die Zellmembran fließt. Die dabei entstehende Spannung öffnet
die Ionenkanäle in der Membran und erregt dadurch die Nervenzelle.
Dass Neuronen und Transistoren tatsächlich miteinander kommunizieren,
zeigten Experimente mit Schneckenneuronen. Wird ein Neuron durch Spannungspulse
gereizt, so gibt es ein Spannungssignal ab, das sich wiederum mit dem Transistor
messen lässt. Die
Forscher haben auch mehrere Neuronen auf einem Siliziumchip zu einem neuronalen
Netz zusammenwachsen lassen. Sie fixieren die einzelnen Neuronen mit mikroskopisch
kleinen „Lattenzäunen“ über den Transistoren. Wird ein Neuron
elektrisch gereizt, dann kann die Reaktion eines zweiten, mit ihm synaptisch
verbundenen Neurons als Spannungspuls nachgewiesen werden, und zwar mit
Hilfe des unter dem zweiten Neutron liegenden Transistors. Auf diese Weise
lässt sich die Informationsverarbeitung in neuronalen Netzen untersuchen.
In Zusammenarbeit mit Infineon haben Fromherz
und seine Mitarbeiter einenCMOS-Chip mit 16384
Transistoren entwickelt. Mit diesem Chip wird eine massiv parallele Beobachtung
der neuronalen Aktivitäten von Gehirngewebe möglich, und das
mit einer räumlichen Auflösung von weniger als 10
µm
und einer zeitlichen Auflösung von 0,5 ms. Der Weg zur elektronischen
Neuroprothese oder gar zum neuroelektronischen Computer ist zwar noch weit,
aber das Zusammenwachsen von Nervenzellen und Halbleiterchips eröffnet
schon jetzt einzigartige Forschungsmöglichkeiten. Elektronische
Landschaften Magnetische
Mikro- und Nanostrukturen werden gegenwärtig intensiv erforscht, zum
einen wegen ihrer großen Bedeutung für die Magnetspeichertechnologie,
aber auch wegen ihrer oft überraschenden physikalischen Eigenschaften.
Mit Hilfe der spinpolarisierten Rastertunnelmikroskopie und -spektroskopie
ist es der Gruppe von Roland Wiesendanger an der Universität Hamburg
gelungen, Spinstrukturen auf atomarer Skala sichtbar zu machen. Dabei wird
eine Oberfläche mit unterschiedlich magnetischen Bereichen von der
magnetisch beschichteten Spitze eines Rastertunnelmikroskops abgetastet.
Der Tunnelstrom hängt davon ab, wie die Magnetisierung der Spitze
und der Oberfläche zueinander orientiert sind. So lässt sich
die Magnetisierung parallel oder senkrecht zur Oberfläche messen. Mit
der spinpolarisierten Rastertunnelmikroskopie haben die Hamburger Forscher
Domänenstrukturen mit einer Auflösung im Nanometerbereich sichtbar
gemacht. Die bisher kleinsten beobachteten Details waren 0,6 nm breite
Domänenwände in einer ferromagnetischen Eisenschicht auf Wolfram.
Die atomare Auflösung und die große Empfindlichkeit der spinpolarisierten
Rastertunnelmikroskopie ermöglicht es, Antiferromagnetismus in atomaren
Monolagen zu beobachten, in denen benachbarte Atome entgegengesetzt magnetisiert
sind. Die Untersuchung einer Eisenmonolage auf einer Wolfram(001)-Oberfläche
ergab dabei kürzlich eine Überraschung: Das Eisen zeigt einen
antiferromagnetischen Grundzustand, obwohl es der prototypische Ferromagnet
ist und auf W(110)-Oberflächen ferromagnetische Monolagen bildet. Die
spinpolarisierte Rastertunnelspektroskopie erlaubt es, die elektronische
Zustandsdichte einer magnetischen Oberfläche zu bestimmen, in Abhängigkeit
von der Energie und der Spinrichtung der Elektronen. Mit diesem Verfahren
haben die Hamburger Wissenschaftler den Einfluss eines einzelnen adsorbierten
Sauerstoffatoms auf die magnetischen Eigenschaften einer Doppellage von
Eisenatomen untersucht. Es zeigte sich, dass das Sauerstoffatom Elektronen
mit einer bestimmten Spinausrichtung streut und die Elektronen stehende
Wellen bilden. Da diese Wellen spinpolarisiert sind, lassen sie sich nur
auf magnetischen Domänen mit der „richtigen“ Magnetisierung beobachten.
Als zukünftige Herausforderungen nannte Wiesendanger die Bestimmung
der Spinstruktur von Hochtemperatur-Supraleitern, die Untersuchung von
Spinwellen und die Entwicklung von magnetischen Aufzeichnungsverfahren
auf atomarer oder molekularer Skala. Linkshändige
Materialien Über
die so genannten linkshändigen Materialien berichtete CostasSoukoulis
von der Iowa State University. Diese Materialien zeichnen sich durch einen
negativen Brechungsindex aus: In einem bestimmten Frequenzbereich werden
sowohl ihre Dielektrizitätskonstante ? als
auch ihre Permeabilität µnegativ.
Schon 1968 hatte der russische Physiker Victor Veselago
berechnet, dass diese Materialien das Licht in die „falsche“ Richtung brechen,
d. h. vom Lot weg, und dass sie noch weitere ungewöhnliche optische
Eigenschaften besitzen sollten. Aus linkshändigen Materialien kann
man z. B. flache Linsen herstellen, die quaderförmig sind und dennoch
einfallende Strahlung bündeln. Darüber hinaus wirken sie wie
Superlinsen, die auch die abklingenden Wellen des optischen Nahfeldes fokussieren
und dadurch eine Abbildung unterhalb der Beugungsgrenze ermöglichen.
Unter
den natürlich vorkommenden Materialien scheint es keine „linkshändigen“
zu geben. Doch inzwischen ist es gelungen, verschiedene „Metamaterialien“
herzustellen, die für Mikrowellen oder für Infrarotstrahlung
einen negativen Brechungsindex zeigen. Die spezielle Struktur dieser Materialien
führt dazu, dass elektrische und magnetische Resonanzen bei derselben
Frequenz auftreten und e und µ negativ
werden lassen. Die Metamaterialien bestehen aus Drähten und millimetergroßen
geschlitzten Kupferringen bzw. aus knapp mikrometerlangen Goldstäbchen,
die in einem periodischen Gitter angeordnet sind. Wie frühere Experimente
zeigten, bricht das Metamaterial aus Kupfer die Mikrowellen tatsächlich
vom Lot weg.
Auch
photonische Kristalle mit der richtigen Bandstruktur können einen
negativen Brechungsindex besitzen. Das zeigen Berechnungen und Experimente,
die Soukoulis und seine Mitarbeiter durchgeführt haben. Der von ihnen
hergestellte zweidimensionale photonische Kristall besteht aus zentimeterdicken
Stäben, die in Form eines Dreiecksgitters übereinander geschichtet
sind. Je nach Ausbreitungsrichtung der einfallenden Mikrowellen variiert
der Brechungsindex zwischen –0,97 und –1,22. Wie erwartet, bricht der photonische
Kristall die Mikrowellen vom Lot weg und wirkt wie eine Superlinse. Die
vielen Möglichkeiten, die die Materialien mit negativem Brechungsindex
eröffnen, haben Physiker und Ingenieure enorm motiviert, nach praktischen
Anwendungen zu suchen, betonte Soukoulis. Dabei würden viele fundamentale
optische und elektromagnetische Phänomene neu überdacht.
Komplexe
Systeme
In
den letzten Jahren hat die Erforschung komplexer Systeme mit den Methoden
der Physik großes Interesse in der Öffentlichkeit gefunden.
Die Schwankungen der Börsenkurse, die Stärke und Abfolge von
Erdbeben oder die Eigenschaften von Netzwerken sind bekannte Beispiele.
Viele makroskopische Systeme zeigen ein auffälliges Verhalten, bei
dem Perioden mit relativ ruhiger Entwicklung von Ausbrüchen hektischer
Aktivität unterbrochen werden, stellte Henrik Jeldtoft Jensen vom
Imperial College in London fest. Das sei gewissermaßen ein Charakteristikum
komplexer Systeme. Da sie aus vielen, miteinander gekoppelten Komponenten
bestehen, ist es unwahrscheinlich, dass schon die erste, zufällige
Konfiguration die Wechselwirkungen optimiert. Solch ein System ist in der
Regel in einem metastabilen Zustand mit großer Frustration und Spannung.
Unter
der Wirkung der Spannung entwickelt sich ein komplexes System langsam,
wobei relativ kleine Fluktuationen die Stabilität des metastabilen
Zustands austesten. Doch gelegentlich findet eine plötzliche, kohärente
Umordnung von Systemkomponenten statt, die wie eine Schneelawine oder ein
Erdbeben das System irreversibel verändert. Solche Vorgänge werden
auch von der Theorie der selbst organisierten Kritikalität beschrieben,
die aber in erster Linie zu erklären versucht, wieso eine Dynamik
einen stationären kritischen Zustand annimmt, dessen Eigenschaften
sich mit Potenzgesetzen beschreiben lassen. Die von Jensen untersuchten
komplexen Systeme erreichen hingegen keinen stationären Zustand, sondern
sie gelangen nach jedem „Beben“ in eine neue, etwas stabilere Konfiguration.
Diese
schrittweise Optimierung hat unter anderem zur Folge, dass die Wartezeit
zwischen zwei „Beben“ linear mit dem Alter des Systems anwächst. So
hat man z. B. für die biologische Makroevolution beobachtet, dass
das Tempo, mit dem Arten in den letzten 470 Millionen Jahren ausgestorben
sind, langsam abgenommen hat – vom Artensterben in historischer Zeit einmal
abgesehen. Eine ähnliche Tendenz sieht man auch in der Dynamik von
Spingläsern oder im Langzeitverhalten von geologischen Verwerfungen.
In
einem speziellen Modell untersuchte Jensen etwa, wie magnetische Flusslinien
in einen Supraleiter zweiter Art, der sich in einem Magnetfeld befindet,
eindringen und sich in ihm anordnen. Die Flusslinien stoßen sich
ab und können zudem an Störstellen hängen bleiben. Wie Monte-Carlo-Simulationen
gezeigt haben, werden Zeiten stetiger Entwicklung unterbrochen von plötzlichen
Änderungen der Dichte und Anordnung der Flusslinien. Dabei nimmt die
Wartezeit zwischen solchen Aktivitäten mit dem „Alter“ des Systems
zu. Die metastabilen komplexen Systeme zeigen ein universelles Verhalten,
das sich vom Verhalten stationärer oder im Gleichgewicht befindlicher
Systeme deutlich unterscheidet.
Netzwerke
und Epidemien
Viele
komplexe Systeme haben die Form von Netzwerken, die aus zahlreichen Knoten
und vielen paarweisen Verbindungen bestehen. Beispiele sind das Funktionsgeflecht
der Zellproteine, das soziale Geflecht einander persönlich bekannter
Menschen oder das weltumspannende Netz der zivilen Flugverbindungen. Solche
Netzwerke haben interessante Struktur- und Stabilitätseigenschaften.
Darüber hinaus können sie den Ablauf von bestimmten Prozessen
entscheidend beeinflussen. Das hat die schnelle weltweite Ausbreitung von
SARS im Frühjahr 2003 gezeigt, bei der das globale Flugliniennetz
eine wichtige Rolle spielte. Theo Geisel und seine Mitarbeiter vom MPI
für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen haben ein stochastisches
Modell entwickelt, das die Ausbreitung von Epidemien beschreibt und dabei
die mehr als zwei Millionen Flüge berücksichtigt, die jede Woche
die 500 größten Flughäfen der Welt miteinander verbinden.
Das
weltumspannende Netz der zivilen Flugverbindungen (links) war der Ausgangspunkt
für ein stochastisches Modell, mit dem sich die Ausbreitung von Epidemien,
wie z. B. SARS (rechts), beschreiben lässt. (Quelle: T. Geisel, MPI
für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen)
Das
Modell teilt die urbane Bevölkerung in der Umgebung eines jeden Flughafens
in vier Gruppen: krankheitsanfällige, latent aber noch nicht ansteckend
kranke, ansteckend kranke und immune gesunde. Die Verkehrsströme zwischen
den Flughäfen und die Aufenthaltszeiten der Reisenden in der jeweiligen
urbanen Bevölkerung haben die Forscher aufgrund von veröffentlichten
Daten abgeschätzt. Für die weltweite Ausbreitung von SARS stimmen
die Vorhersagen des Modells verblüffend gut mit den WHO-Daten überein.
Wenn
irgendwo auf der Welt eine Epidemie ausgebrochen ist, dann ermöglicht
es das Göttinger Modell, besonders gefährdete Regionen zu identifizieren.
Außerdem erlaubt es abzuschätzen, welcher Prozentsatz einer
urbanen Population geimpft werden muss, um die Epidemie einzudämmen.
Auch durch Beschränkung des Flugreiseverkehrs kann man eine Epidemie
aufhalten. Dabei ist es, den Simulationen zufolge, wesentlich wirksamer,
bestimmte Städte oder urbane Gebiete zu isolieren, als Hauptfluglinien
stillzulegen. Angesichts eines stetig zunehmenden Flugverkehrs wächst
die Gefahr globaler Epidemien. Das Göttinger Modell gestattet es,
mögliche Abwehrmaßnahmen zu testen und dadurch im Ernstfall
viele Menschenleben zu retten
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