27-09-2007

Ein Maß für wissenschaftliche Leistungen

Wissenschaftliche Leistungen und Zukunftsaussichten eines Forschers werden immer häufiger mithilfe des „Hirsch-Indexes“ bewertet. Doch was ist er wert?

Um unter den Bewerbern für eine wissenschaftliche Stelle den oder die Beste zu finden, muss man ihre bisherigen Leistungen möglichst objektiv bewerten und miteinander vergleichen. Dabei sollten die Zahl und die Qualität ihrer wissenschaftlichen Publikationen berücksichtigt werden. Hier bietet der von Jorge Hirsch 2005 eingeführte h-Index einen einfach zu handhabenden Maßstab an. Doch inzwischen mehren sich die Zweifel, ob der Index in seiner ursprünglichen Form wirklich hilfreich ist. So kann ein Forscher seinen Index erheblich verbessern, indem er in seinen Publikationen seine früheren Arbeiten zitiert. Das belegt Michael Schreiber von der TU Chemnitz mit einer Untersuchung, die in der Zeitschrift „Annalen der Physik“ veröffentlicht wurde.

Als Qualitätsmaßstab einer wissenschaftlichen Veröffentlichung wird oft die Zitierhäufigkeit genommen, wie man sie im Citation Index des „Web of Science“ findet. Demnach ist eine große Anzahl von viel zitierten Arbeiten erstrebenswert. Um die gesamte Produktion eines Wissenschaftlers zu bewerten, ermittelt man z. B., wie oft seine Arbeiten insgesamt oder im Durchschnitt zitiert wurden. Doch eine einzige, extrem häufig zitierte Arbeit, zu der er als Koautor vielleicht nur wenig beigetragen hat, kann das Ergebnis stark verfälschen.

Mit dem h-Index wollte Hirsch eine ausgewogenere Bewertung erreichen: h ist die höchste Zahl von Veröffentlichungen eines Wissenschaftlers, die jeweils mindestens h-mal zitiert worden sind. So hat Edward Witten einen h-Index von 110, d. h. 110 seiner Arbeiten haben 110 oder mehr Zitate. Er wird gefolgt von Marvin Cohen (94), Philip Anderson (91) und Steven Weinberg (88). Hirsch war zuversichtlich, dass sich der h-Index kaum manipulieren lässt und gegen „Selbstzitate“ weitgehend immun ist. Doch das scheint nur für den Index prominenter und häufig zitierter Wissenschaftler zu gelten. Michael Schreiber hat jetzt für 26 nichtprominente Physiker den h-Index berechnet und dabei den Einfluss der Selbstzitate untersucht.

Die Physiker waren allesamt Assistenten oder Professoren der TU Chemnitz. Die Zahl ihrer mindestens einmal zitierten Veröffentlichungen lag zwischen 12 und 259. Für ihren h-Index ergaben sich Werte von 5 bis 39. Wurden direkte Selbstzitate ausgeschlossen, so verringerten sich die Indexwerte um bis zu 46 % und lagen zwischen 4 und 36. Dabei veränderte sich die Rangfolge der Physiker in Hinblick auf den h-Index kräftig, da sie sich unterschiedlich stark selbst zitiert hatten. Im nächsten Schritt schloss Schreiber auch die indirekten Selbstzitate aus, bei denen ehemalige Koautoren eines Wissenschaftlers eine frühere, gemeinsame Arbeit zitiert hatten. Die Indexwerte verringerten sich erneut und lagen dann nur noch zwischen 3 und 34.

Wenn direkte oder indirekte Selbstzitate den h-Index so stark verändern können, ist auch eine Manipulation möglich. In den von Schreiber untersuchten Fällen hatten die Wissenschaftler eine ganze Reihe von Arbeiten veröffentlicht, deren Zitatzahl nur knapp unter dem jeweiligen Indexwert lag. Durch gezieltes Zitieren dieser Arbeiten hätte man den h-Index merklich anheben können. Das ließe sich z. B. durch Selbstzitate aber auch durch die Zitathilfe anderer Wissenschaftler bewerkstelligen. Je häufiger der h-Index benutz werden wird, um Rangfolgen von Wissenschaftlern aufzustellen, umso größer wird die Manipulationsgefahr werden. Schreiber empfiehlt deshalb, von vornherein die direkten und indirekten Selbstzitate bei der Berechnung eines „verschärften“ h-Index unberücksichtigt zu lassen.

Inzwischen hat Jorge Hirsch untersucht, wie sich der h-Index prominenter und nichtprominenter Physiker im Laufe der Zeit ändert. Er kommt zu dem Schluss, dass sich anhand des h-Index der zukünftige Erfolg eines Wissenschaftlers besser vorhersagen lässt als anhand anderer bibliometrischer Kriterien wie der Gesamtzahl der Zitate bzw. der Publikationen oder der durchschnittlichen Zahl der Zitate pro Veröffentlichung. Auch wenn einem die Vorstellung nicht behagt, dass mit einer einzigen Zahl die wissenschaftlichen Leistungen und Zukunftsaussichten eines Forschers bewertet werden sollen, so findet doch der h-Index gerade in der angelsächsischen Wissenschaftsbürokratie zunehmend Anklang. In jedem Fall sollte man aber darauf achten, dass der h-Index verantwortungsbewusst und nur in seiner verschärften Form benutzt wird.

Rainer Scharf 
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