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Zürcher T.-A. v. 9.2.2000

Dem Kugelblitz auf der Spur

Leuchtende Gespinste aus Siliziumfäden / Von Rainer Scharf

Dass es Kugelblitze tatsächlich gibt, ist unter Wissenschaftlern mittlerweile unbestritten. Ein typischer Kugelblitz ist etwa 30 Zentimeter groß und leuchtet so hell wie eine 100-Watt-Birne. Sein Verhalten scheint den Gesetzen der Physik zu widersprechen. Der Blitz taucht plötzlich auf, schwebt in der Luft umher und verschwindet schließlich nach etwa zehn Sekunden - entweder geräuschlos oder in einer Explosion.

Bislang gab es keine befriedigende Erklärung für dieses rätselhafte Phänomen. Doch jetzt scheinen zwei Forscher von der University of Canterbury in Neuseeland dem Kugelblitz auf die Schliche gekommen zu sein: Demnach ist er ein lockeres Gespinst aus winzigen Teilchen, die langsam in der Atmosphäre verglühen («Nature», Bd. 403, S. 519).

Schlägt ein normaler Blitz in ein Gemisch aus Kohlenstoff und Sand, wie es zum Beispiel im Wurzelwerk von Bäumen zu finden ist, so entstehen zahllose siliziumhaltige Partikel, die nur wenige Millionstelmillimeter groß sind. Laborexperimente haben gezeigt, dass diese Teilchen lange, verzweigte Ketten bilden.

Die entstehenden lockeren Gebilde können in der Luft schweben. Sie werden vom Luftsauerstoff angegriffen und verbrennen langsam. Dies würde erklären, warum Kugelblitze ein Geräusch machen wie ein abbrennendes Streichholz. Während der Verbrennung nimmt die Temperatur eines Kugelblitzes stetig zu, bis er plötzlich sichtbar weiss, rötlich oder gelb leuchtet. Wenn er zu heiss wird, schmilzt das Gespinst aus Siliziumketten und verbrennt explosionsartig.

Alle Puzzlesteine der neuen Theorie passen also zusammen. Jetzt wollen die beiden Forscher aus Neuseeland zum ersten Mal einen Kugelblitz im Labor erzeugen. 
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